Inès Bayard ist mit Scham, erschienen 2020 im Zsolnay Verlag, ein Debütroman gelungen, der unter die Haut geht. Im wahrsten und im negativsten Sinne des Wortes. Er geht so tief unter die Haut, dass man sich als Leser:in innerlich windet, besudelt fühlt und bei jeder Seite die Frage stellt: Wie kann das sein?
Was passiert, erfahren wir bereits im Klappentext: Marie, die ein perfektes Leben führt und mit einem erfolgreichen Anwalt verheiratet ist, wird von ihrem Chef brutal vergewaltigt. Aus Angst und Scham sagt sie nichts, versucht die Fassade vom Schmutz zu befreien und in die Normalität ihres Alltags zurückzufinden.
Direkt zur Sache
Die Autorin schmeißt die Leserschaft direkt ins kalte Wasser. Auf den ersten Seiten werden wir konfrontiert mit einer jungen Mutter, die erst ihren Mann, dann ihr Kind und schließlich sich selbst umbringt. Durch die direkte und klare Sprache haben wir das dramatische Szenario direkt vor Augen und fragen uns, wie es so weit gekommen ist.
Die Vergewaltigung, das zentrale Ereignis der Handlung, wird innerhalb der ersten dreißig Seiten offenbart. Kein Spannungsaufbau für den Leser, keine Vorahnungen, keine Andeutungen und keinerlei Erkenntnisse über den Täter. Wir sind sofort mittendrin, schockiert und angewidert. Die klare Sprache, die eindeutige Benennung von Geschlechtsteilen, Exkrementen und Körperflüssigkeiten wie Blut und Ejakulat zeichnen solch ein realistisches Bild der Szene, dass einem schlecht wird. Die deutliche Beschreibung der körperlichen Wahrnehmung des Opfers tut der Leserin selbst weh. Und ich fürchte, hier müssen wir an einigen Stellen zwischen Lesern und Leserinnen unterscheiden. Denn es ist nun mal so: Jeder liest jeden Text anders und eine Leserin wird Sätze wie „Es tut weh. Ihre Scheide ist trocken, wird an den Seiten aufgerieben.“ anders fühlen, als ein männlicher Leser. Und Ich schreibe hier bewusst von fühlen, denn diesen Roman liest man nicht, sondern fühlt ihn durch und durch. Die unmissverständliche Darstellung von Maries Martyrium ist auf ein paar Seiten erledigt und als Leser:in bleiben wir ebenso vergewaltigt zurück.
Vom Weiterleben
Scham ist kein Buch über Vergewaltigung, sondern eines über Bewältigung. Deshalb ist der Stil mit dem dieses Schlüsselereignis der Handlung beschrieben wird auch so treffend. Treffend und realistisch. Denn eine Vergewaltigung im wahren Leben kündigt sich auch nicht immer an. Du wirst überrumpelt, kannst dich nicht wehren und ehe du verstehst, was da gerade geschieht, ist es wieder vorbei. Wenige Minuten, die den Rest deines Lebens prägen werden. Ein Leben, in das die Überlebenden solcher Taten zurückfinden müssen, was Inès Bayard in ihrem Roman sehr aufwühlend beschreibt.
Auch Marie will ihr Leben nach der Tat zusammenhalten, ihr perfektes Leben mit dem tollen Job in der Bank, dem tollen Anwalt zum Mann, der schicken Pariser Wohnung. Sie ist überzeugt, sollte ihr Mann Laurent je etwas davon erfahren, wird er sie verlassen:
Er würde sie immer mit anderen Augen sehen, nicht mehr als seine Frau, sondern als das Opfer, die Frau, die vergewaltigt, die beim ersten Analsex von einem anderen Glied als seinem penetriert worden ist.“
Also macht Marie weiter wie bisher, versucht ihre saubere Fassade um jeden Preis aufrecht zu erhalten.
Als Leser kann man diese Motivation nachvollziehen, würden wir uns nicht alle schämen? Vor der Reaktion der anderen Angst haben? Also leiden wir mit Marie, beobachten, wie sie langsam den Verstand verliert, sehen, dass das kein Mensch aushalten kann, dass man an solch einem Geheimnis zwangsläufig kaputt gehen muss. Und doch schwingt von Anfang an eine Komponente mit, bei der man laut schreien möchte: Das kann doch nicht sein. Wie kann das denn niemand merken? Denn Bayard schreibt nicht nur eindringlich über die Verzweiflung einer jungen Frau, sondern auch über die Blindheit, die wir Freunden und Familienmitgliedern entgegenbringen. Sind es nicht am Ende eben die schönen Fassaden, die uns scheitern lassen? Die Bilder, die wir selbst erfüllen wollen und jene, von denen wir denken, dass sie immer glücklich und zufrieden sind, die uns blenden. Fassaden, die uns abhalten offen zu reden, zu zeigen, dass man kaputt ist, nicht mehr funktionieren kann, dass dich eine perfekte Welt nicht vor dem Bösen schützt.
So lesen wir von einer Frau, die brutal vergewaltigt wurde, die sich am nächsten Tag, trotz Blessuren und Schmerzen zum Sex mit ihrem Ehemann überwindet, damit er keinen Verdacht schöpft, da sie ihn noch nie abgewiesen hat. Szenen wie diese, in denen man sich fragt, warum Laurent nichts merkt, wenn sie das Intimste, was zwei Menschen miteinander teilen können, nur noch über sich ergehen lässt.
Marie fühlt sich von ihrem Mann ein zweites Mal vergewaltigt. […] Der Sadismus ihres Vergewaltigers scheint ihr genauso wie der ihres Mannes, der nicht bemerkt, wie sie leidet.“
So wächst auch Maries Wut auf den eigenen Mann, auf ihre Familie und Freunde. Ihr Wunsch, jemanden ein Messer in den Hals zu stoßen, sich selbst den Bauch aufzuschlitzen – man kann ihn sehr gut nachvollziehen, wie sonst sollte eine Person diesem immensen innerlichen Druck standhalten können?
Die Fassade bröckelt
Bei diesem scheinbar makellosen Gemälde muss man auf die Details achten. Doch auf diese Idee kommt niemand. Sie alle bevorzugen die angenehme und beruhigende Oberfläche der Gefühle, glatt und weich, bloß nicht die schwarzen Flecken aufdecken, die Missstände, das Leid.“
Natürlich fällt Laurent etwas auf oder ihrer Familie. Aber es werden Ausreden gesucht: Übermüdung, Stress. Keiner kommt auf die Idee, was mit Marie nicht stimmt. Wieso nicht? Machen wir doch zu gern die Augen zu? Wollen nicht wirklich wissen, was mit den Menschen um uns passiert?
Die Fassade aufrecht zu erhalten fällt Marie immer schwerer, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt: Wird sie doch nun tagtäglich an ihre Vergewaltigung erinnert. Der festen Überzeugung, dass das Kind nicht von ihrem Mann ist, sondern das Produkt ihres Martyriums, ist sie unfähig es zu lieben. Beim Lesen beobachten wir eine schwangere Frau, die sich die Treppe hinunterstürzt und eine junge Mutter, die ihr Kind verwahrlosen lässt, es kneift und am liebsten den Balkon hinunterfallen lassen würde. Momente, in denen man geneigt ist, das Buch wegzulegen. Doch wir sollen ja eben hinsehen, die Augen nicht verschließen.
Gute Bücher ziehen ihre Leserschaft in einen Bann, sehr gute bewegen und lassen uns das Gelesene nicht so schnell vergessen. In dieser Hinsicht liefert Bayard einen herausragenden Debütroman.
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