Seit fast einem Jahr leben wir nun schon mit einer Pandemie. In fast allen Ländern unserer Erde beherrscht ein unsichtbares Virus unser Leben.
Vergleiche, die im Zusammenhang mit COVID-19 oft gestellt werden, sind zum einen die Pest, an der im 14. Jahrhundert 25 Millionen und im 19. Jahrhundert über 10 Millionen Menschen verstarben. Zum anderen wird die Spanische Grippe genannt, die vor erst 100 Jahren nach dem Ersten Weltkrieg weltweit zwischen 27 und 50 Millionen Tote forderte. Etwa 500 Millionen Menschen sollen infiziert gewesen sein.
Weniger bekannte Pandemien sind die Asiatische Grippe im Jahr 1957, an der ca. 1 Million Menschen verstarben und die Hongkong-Grippe, zu deren Opfern im Jahr 1968 700.000 Menschen zählten. Dass diese Krankheitswellen nicht im kollektiven Gedächtnis verankert sind, mag an den vergleichsweisen geringen Fallzahlen liegen. Zudem war auch die Medienberichterstattung weniger schlagzeilengetrieben als unserer Tage.
Nichts mehr so wie vorher
Wir leben in einer Zeit, in der wir in den westlichen Industrieländern gegen die meisten Krankheiten über einen Impfstoff oder Medikamente verfügen. Wenn auch Impfungen bei manchen Eltern zur Diskussion stehen, muss kein Kind mehr an Diphtherie, Polio, Masern, Mumps, Windpocken oder Keuchhusten erkranken. Selbst tödliche Krankheiten wie Aids oder Krebs lassen sich in ihrem Verlauf durch Medikamente zum Teil hinauszögern oder bei manchen Krebsfällen sogar heilen. Umso schlimmer erscheint uns die Tatsache, dass es nun ein neues Virus gibt, gegen das wir nicht ankommen. Nun ist zwar ein Impfstoff gefunden, aber bis alle Menschen geimpft sind, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Die Suche nach dem Schuldigen
Im Mittelalter suchte man die Schuld für die Pest bei Juden oder bei Frauen. In den sogenannten „Hexenprozessen“ wurden Frauen verurteilt und verbrannt, denen man schlimme Dinge nachsagte, u.a. die Pest zu verbreiten. Frühe Judenpogrome zeichnen ebenfalls ein dunkles Bild des Mittelalters und der Geschichte der „Schwarzen Pest“.
Auch bei der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg suchte man Schuldige: die Alliierten vermuteten, die Deutschen hätten die biologische Kriegsführung mit der Freisetzung von Mikroben begonnen, da sie 1915 auch als Erste Giftgas eingesetzt hatten. Die „New York Times“ forderte gar die Krankheit in die „Deutsche Grippe“ umzubenennen.
Kommt uns das bekannt vor? Auch im Jahre 2020 hatte der amerikanische Präsident Donald Trump – und nicht nur er – einen Schuldigen gefunden: der Chinese, weil er Fledermäuse esse oder mit Wildtieren handele, oder das Virus sogar im Labor im chinesischen Wuhan gezüchtet bzw. erforscht habe, wo es leider durch einen Unfall unter die Menschheit geraten sei. Einen anderen Sündenbock gibt es dagegen in Indien: Dort werden die andersgläubigen Muslime für die Verbreitung der Corona-Pandemie verantwortlich gemacht.
Wie das Virus bekämpfen?
Doch ist ein Virus einmal in der Welt, wie wird man es wieder los? Die Einschränkung des öffentlichen Lebens ist eine Methode, die schon früher angewandt wurde, um ein Virus einzudämmen. Angehende Virologen lernen im Medizinstudium bis heute ein Beispiel über den amerikanischen Umgang mit der Spanischen Grippe: Während in Philadelphia im Herbst 1918 innerhalb von einer Woche fast 5.000 Menschen starben und nach sechs Wochen mehr als 12.000, gelang es der Stadt St. Louis durch die Schließung von Schulen, Kinos, Bibliotheken und Kirchen die Krankheit einzudämmen. Auch ein Mund-Nasen-Schutz war damals Vorschrift.
Wundert uns 100 Jahre später nicht, dass die Gesundheitssysteme so schnell an ihre Grenzen kommen angesichts einer neuen Krankheit, obwohl der medizinische Fortschritt immens ist? Ist die Corona-Krise nicht letztendlich auch eine Krise des Gesundheitssystems? In vielen Ländern – nicht nur in Deutschland – spart man an Ausrüstung, an Personal und an Betten. Stichwort: Fallpauschale statt Nächstenliebe. Auch Pflegekräfte und Ärzte leiden unter den Zuständen, sind aber Opfer des betriebswirtschaftlichen Denkens in den Führungsetagen der Einrichtungen.
In der Krise privilegiert
Doch schauen wir mal über den Tellerrand unserer westlichen Industriegesellschaften:
In vielen Ländern Afrikas und Asiens fehlt es laut WHO durch die Corona-Krise-bedingten Flugeinschränkungen an Impfstoffen gegen Masern. Lebenswichtige Routineimpfungen von Kindern sind somit in Gefahr. Die Bevölkerung in Afrika leidet immer noch an tödlichen Krankheiten wie Malaria, Aids und Tuberkulose. Es fehlt dort an Geld für Medikamente. Vielleicht zeigt uns die Krise auch, wie privilegiert wir in Deutschland mit einer Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung tatsächlich sind.
Anna Dettmer (angepasste Fassung aus Mai 2020)
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