Erfolg hat drei Buchstaben: TUN

Wir befinden uns im Jahr 2020 n. Chr. Ganz Deutschland leidet unter schwindenden Absatzmärkten für Printmagazine und einem Schrumpfen der Verlagswelten…
Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Optimisten publiziertes Magazin zieht von Greifswald aus in die Welt und mischt den tot geglaubten Printmarkt zurzeit ordentlich auf. Wie es dazu kam, beschreibt Benjamin Fredrich in seinem Roman Die Redaktion, erschienen 2020 im KATAPULT-Verlag.

Benjamin Fredrich ist Gründer und Chefredakteur von KATAPULT, einem Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaften. Die Idee hierzu hatte er bereits während des Studiums und ist kurz erklärt: Sozialwissenschaftliche Artikel mit ansprechenden Grafiken aufwerten, die wichtigen empirischen Daten visualisieren, sie so aus der Expertenwelt und ihrer Fachsprache herausheben und für ein breites Publikum verständlich machen. In seinem autobiografisch angelegten Roman nimmt er seine Leserinnen und Leser mit auf eine turbulente Reise, auf der nicht nur eine Idee zu einem Magazin, sondern auch seine Macher wachsen.

Bereits die erste Szene des Romans bestimmt die Richtung. Auf der Flucht vor der Polizei mit einer alten Schwalbe unterm Hintern lernen wir einen Protagonisten kennen, der sich nicht bremsen lassen will, der hinterfragt, wieso er sich denn jetzt anpassen solle, und dies alles mit einer herrlich rotzigen Sprache kommentiert. Der Schwalbe selbst kommt auch noch eine Schlüsselrolle zu: Nicht nur zum Start von KATAPULT.

Kurzweilig und witzig beschreibt Fredrich Höhen und Tiefen der Magazingründung: Die Schwierigkeiten Mitstreiter zu finden, Finanzierung aufzutreiben, Räume zu beschaffen, Betonwände zu gefährden, lieb gewonnene Kollegen ziehen zu lassen, aber auch plötzlich Chef zu sein und Kündigungen auszusprechen. Klingt anstrengend und nach viel Arbeit, wird vom Protagonisten aber auch mit solch einer Unbekümmertheit beschrieben, dass man ahnt, welche Erfolgsformel hinter all dem steckt: Einfach TUN!
Und gerade weil wir als Leser die Gedankenwelt und Meinung des „Roman-Bennis“ direkt und ungefiltert vor den Latz geknallt kriegen, wird er zum Sympathieträger. Denn sein wir ehrlich: Denken wir nicht genau so? Kommentieren unsere inneren Ichs andere Menschen nicht auch gerne mit: „Ist der blöd oder was?“. Ein Magengeschwür bekommt man so jedenfalls nicht.

Definitiv eine weitere Zutat im Erfolgsrezept von KATAPULT: Authentizität. Die Truppe hat Haltung. Alle im Team verdienen dasselbe, die Hierarchien sind flach und der Chef möchte eigentlich keiner sein, sieht sich auf einer Ebene mit den Kolleg:innen. Ein Magazin wird nur was im hippen Berlin? Print ist tot und die ganze Idee eigentlich nicht zukunftsfähig? Hätte unser Protagonist sich von diesen Tipps der Business Coaches einschüchtern lassen, gäbe es KATAPULT wahrscheinlich nicht. Und wir haben damit die dritte Zutat entdeckt: Die Nische. Nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich setzt sich das Magazin von anderen ab und trifft damit den Nerv der Zeit. Nachhaltige, regionale Konzepte kommen an und prinzipiell ist einem der „Underdog“ ja meist sympathischer. Eben auch wenn Fredrich klar beschreibt, warum er keine Lust auf Medienauszeichnungen hat und sich gern mit großen Verlagen anlegt.

Zugegeben, dem auf Krawall gebürsteten, Fahrrad fahrenden Romanhelden möchte man nicht im eigenen Auto begegnen, aber eigentlich tut er ja nur das, was wir im Herzen selbst gern mal tun möchten. Wenn er dabei trotzdem die Sympathien der Leserinnen und Leser einfängt, liegt es daran, dass wir neben der Stinkefingerhaltung auch eine andere Seite zu Gesicht bekommen. Die eines Benni Fredrich, der sich selbst nicht zu ernst nimmt und auch kein Problem damit hat, von schlaflosen Nächten und vollen Buchsen zu erzählen. Einem, dem Dinge auch unangenehm sein können, und der trotz rauer und spöttischer Beschreibungen seiner Kolleg:innen nicht verstecken kann, dass er sie doch eigentlich ganz gern hat.

Für den wirklich unterhaltsamen und lesenswerten Roman hat der Autor eigens einen Verlag gegründet. Mit solch einem Manuskript wäre er sicherlich auch in anderen Häusern unterkommen, aber hey – dann hätte er ja nicht alles genau auf seine Weise machen können.

Weiteres Schmanckerl sind übrigens die schönen Illustrationen von Andrea Köster, die die ganze Geschichte visuell abrunden. Das Cover nach dem Lesen noch mal etwas genauer zu betrachten, lässt über einige Details schmunzeln.

Benjamin Fredrich, Die Redaktion – unsere Lese- und Reiseempfehlung für Mecklenburg-Vorpommern.